Gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik (Teil 1 von 2)

Die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik ist ein interdisziplinärer Forschungsbereich, der sich mit der Entwicklung von Informationssystemen und deren Anwendung in Unternehmen befasst. Im Fokus stehen dabei nicht nur technologische Aspekte, sondern auch die Gestaltung von Prozessen und Geschäftsmodellen sowie die Interaktion zwischen Mensch und Technik. Die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik ist damit ein wichtiger Beitrag zur Digitalisierung von Unternehmen und der Förderung ihrer Wettbewerbsfähigkeit.

In diesem ersten von zwei Artikelteilen werden wir uns näher mit der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik beschäftigen. Zunächst werden wir eine Definition des Begriffs geben und die Bedeutung dieses Forschungsbereichs für Unternehmen und die Wissenschaft erläutern. Darauf folgen Beschreibungen und Beispiele von Methodik und Anwendungsbeispielen der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik.

Im zweiten Teil wird es dann um Herausforderungen und Kritik, einen Ausblick auf die Zukunft und ein zusammenfassendes Fazit gehen.

Definition von gestaltungsorientierter Wirtschaftsinformatik

Die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik unterscheidet sich in ihrer Herangehensweise und Methodik deutlich von der amerikanisch geprägten behavioristischen Wirtschaftsinformatik. Während die amerikanisch geprägte behavioristische Wirtschaftsinformatik vorwiegend auf empirische Forschung setzt und versucht, durch Beobachtung und Messung von Verhaltensmustern in Unternehmen Erkenntnisse zu gewinnen, setzt die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik auf den Gestaltungsprozess von Informationssystemen und Geschäftsmodellen.

Ein weiterer Unterschied liegt in der Zielsetzung: Während die behavioristische Wirtschaftsinformatik primär darauf abzielt, bestehende Praktiken und Verhaltensmuster in Unternehmen zu analysieren und zu optimieren, zielt die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik darauf ab, durch die Entwicklung und Implementierung neuer Technologien und Geschäftsmodelle innovative Lösungen für praxisrelevante Probleme in Unternehmen zu schaffen. Dabei geht es weniger um die Bestätigung oder Widerlegung von Theorien, sondern um die Entwicklung praktischer Lösungen, die einen Mehrwert für Unternehmen und Gesellschaft schaffen.

Ich habe im Rahmen meiner Thesis die Methoden und Forschungs-Designs der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik verwendet, um einen anwendungsorientierten Forschungsprozess zu unterstützen.

Bedeutung für Unternehmen und Wissenschaft

Die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik ist für Unternehmen von großer Bedeutung, da sie hilft, innovative Geschäftsmodelle und Prozesse zu entwickeln, die den Anforderungen einer digitalisierten Welt gerecht werden. Auch für Banken und andere Finanzinstitute ist die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik von hoher Relevanz. Traditionelle Geschäftsmodelle und Prozesse werden durch technologische Entwicklungen wie Kryptowährungen, Blockchain-Technologie und moderne Zahlungslösungen herausgefordert. Durch die Anwendung gestaltungsorientierter Ansätze können Unternehmen neue Chancen erschließen und sich an die sich wandelnden Rahmenbedingungen anpassen.

Auch für die Wissenschaft ist die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik von großer Bedeutung. In den vergangenen Jahren hat sich eine Diskussion darüber entwickelt, dass die traditionellen Forschungsansätze der Wirtschaftsinformatik, die vorrangig auf deskriptive und empirische Forschung setzen, nicht mehr ausreichend sind, um den Herausforderungen einer sich rapide verändernden digitalen Welt zu begegnen. Vor diesem Hintergrund haben sich führende Vertreter der Wirtschaftsinformatik wie Jörg Becker und weitere Professoren für die stärkere Verankerung gestaltungsorientierter Ansätze in Forschung und Lehre ausgesprochen1Vgl. Becker, J. (2008). Ein Plädoyer für die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik. In: Jung, R., Myrach, T. (eds) Quo vadis Wirtschaftsinformatik? Gabler. https://doi.org/10.1007/978-3-8349-9855-2_1. Die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik kann somit einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Wirtschaftsinformatik als Wissenschaftsdisziplin leisten.

Methodik der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik

Die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht nur deskriptive oder erklärende Forschung betreibt. Vielmehr ist sie auch aktiv an der praktischen Entwicklung von IT-Lösungen und -Systemen beteiligt. Um dieses Ziel zu erreichen, bedient sich die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik einer Reihe von spezifischen Methoden und Verfahren. Im Folgenden werden drei wichtige Methoden vorgestellt: Design Science Research, Aktionsforschung und weitere Methoden wie Case Studies und Experimente. Diese Methoden dienen dazu, praxisnahe und innovative IT-Lösungen zu entwickeln und wissenschaftlich zu fundieren.

Design Science Research (DSR)

Design Science Research (DSR) ist eine wichtige Methode in der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik. DSR im Kontext der Wirtschaftsinformatik basiert auf der Idee, dass IT-Systeme nicht nur beschrieben und erklärt werden können, sondern auch aktiv gestaltet und entwickelt werden müssen, um Probleme zu lösen und Innovationen voranzutreiben. DSR setzt dabei auf eine enge Verzahnung von Forschung und Praxis. Im Rahmen von DSR-Projekten wird ein IT-System oder eine IT-Lösung in mehreren Schritten iterativ entwickelt und verbessert. Dabei werden Design-Prinzipien und -Richtlinien verwendet, um das IT-System auf bestimmte Anforderungen und Ziele hin auszurichten. Die entwickelten IT-Systeme werden anschließend in der Praxis erprobt und evaluiert, um ihre Wirksamkeit und Nutzbarkeit zu überprüfen.

DSR eignet sich besonders für die Lösung von praktischen Problemen, die mithilfe von IT-Systemen gelöst werden können. Beispiele hierfür sind die Entwicklung von Online-Plattformen, Mobile-Apps oder Business-Intelligence-Systemen. DSR-Projekte erfordern eine enge Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern und Praktikern. Nur so wird sichergestellt, dass die entwickelten IT-Systeme den Anforderungen und Bedürfnissen der Anwender gerecht werden. Ein weiterer Vorteil von DSR ist, dass die entwickelten IT-Systeme oft auch für andere Unternehmen oder Organisationen von Nutzen sein können, was zu einer breiteren Anwendbarkeit und einem größeren Nutzen führt.

Aktionsforschung

Aktionsforschung ist eine weitere wichtige Methode in der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik. Im Gegensatz zu DSR ist Aktionsforschung weniger technologiezentriert und konzentriert sich stattdessen auf die Verbesserung von Geschäftsprozessen und organisatorischen Strukturen. Aktionsforschung basiert auf der Idee, dass die Beteiligung von Mitarbeitern und Anwendern an der Gestaltung und Verbesserung von Geschäftsprozessen zu einer höheren Akzeptanz und Wirksamkeit von IT-Systemen führt. Dabei werden IT-Systeme nicht isoliert betrachtet, sondern in ihrem Kontext innerhalb der organisatorischen Strukturen und Prozesse.

Aktionsforschungsprojekte werden in der Regel in enger Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern und Unternehmen durchgeführt. In einem iterativen Prozess werden zunächst Probleme identifiziert und analysiert. Anschließend werden konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Geschäftsprozesse und IT-Systeme entwickelt und implementiert. Dabei wird besonderer Wert auf die Einbeziehung von Mitarbeitern und Anwendern gelegt, um eine hohe Akzeptanz und Nutzbarkeit der entwickelten IT-Systeme sicherzustellen. Aktionsforschung eignet sich besonders für die Verbesserung von Geschäftsprozessen und die Steigerung der Effizienz und Qualität von IT-Systemen in Unternehmen.

Weitere Methoden (z. B. Fallstudien, Experimente)

Neben Design Science Research und Aktionsforschung gibt es noch weitere Methoden, die in der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik zum Einsatz kommen. Hierzu zählen unter anderem Fallstudien und Experimente. Fallstudien sind empirische Untersuchungen, die darauf abzielen, ein bestimmtes Phänomen innerhalb eines realen Kontexts zu beschreiben und zu analysieren. Dabei können sowohl qualitative als auch quantitative Methoden zum Einsatz kommen. Fallstudien werden häufig eingesetzt, um die Wirksamkeit von IT-Systemen in der Praxis zu untersuchen oder um spezifische Anwendungsfälle zu beleuchten.

Experimente hingegen basieren auf der Idee, dass Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge durch gezielte Manipulation von Variablen untersucht werden können. In der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik werden Experimente häufig eingesetzt, um die Wirksamkeit von IT-Systemen in Bezug auf bestimmte Zielsetzungen zu untersuchen. Dabei werden verschiedene Versionen von IT-Systemen oder -Lösungen entwickelt und getestet, um festzustellen, welche Version am besten geeignet ist, um das gewünschte Ziel zu erreichen. Experimente können sowohl in Labor- als auch in Feldexperimenten durchgeführt werden. Sie erfordern eine sorgfältige Planung und Durchführung, um zu aussagekräftigen Ergebnissen zu kommen.

Anwendungsbereiche

Die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik hat in der Praxis zahlreiche Anwendungsbereiche, die sich über alle Branchen und Funktionen von Unternehmen und Organisationen erstrecken. So kann die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik beispielsweise eingesetzt werden, um neue Geschäftsmodelle und -prozesse zu entwickeln, Kundenbeziehungen zu verbessern, Entscheidungen auf Basis von Datenanalysen zu treffen oder die User-Experience von Softwareanwendungen zu optimieren. Die Anwendung der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik erfordert eine praxisorientierte und lösungsorientierte Vorgehensweise, die auf die individuellen Bedürfnisse und Anforderungen des jeweiligen Anwendungsbereichs abgestimmt ist. In den folgenden Abschnitten werden wichtige Anwendungsbereiche der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik anhand von konkreten Beispielen beleuchtet.

Prozessoptimierung

Prozessoptimierung ist ein wichtiger Anwendungsbereich der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik. Dabei geht es darum, Geschäftsprozesse zu analysieren, zu modellieren und zu verbessern, um eine höhere Effizienz und Qualität zu erzielen. Die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik bietet hierfür eine Vielzahl von Methoden und Werkzeugen an, die eine systematische und praxisorientierte Vorgehensweise ermöglichen.

Ein fiktives Beispiel für den spezifischen Nutzen der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik für die Prozessoptimierung ist die Implementierung einer neuen IT-Lösung für die Kundenabrechnung in einem Telekommunikationsunternehmen. Das Unternehmen hatte Probleme bei der Abrechnung von Kunden, die mehrere verschiedene Dienste nutzten. Durch die Anwendung von Design Science Research und Aktionsforschung wurde eine neue IT-Lösung entwickelt und implementiert, die eine automatisierte und standardisierte Abrechnung für alle Dienste ermöglichte. Die Lösung wurde anschließend in einem Experiment getestet und optimiert. Im Ergebnis konnte das Unternehmen nicht nur die Prozessdauer für die Abrechnung reduzieren. Auch die Fehlerquote wurde minimiert und dadurch die Kundenzufriedenheit gesteigert und Betriebskosten gesenkt.

IT-Systementwicklung

Die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik bietet auch eine Vielzahl von Anwendungsbereichen in der IT-Systementwicklung. Hierbei geht es darum, maßgeschneiderte IT-Lösungen zu entwickeln, die den Anforderungen und Bedürfnissen des Unternehmens und seiner Nutzer entsprechen. Design Science Research und Aktionsforschung sind hierbei besonders hilfreich, da sie einen iterativen und inkrementellen Entwicklungsprozess ermöglichen. Auch werden Nutzer frühzeitig eingebunden und dadurch Feedback gewonnen

Ein Beispiel für die Anwendung der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik in der IT-Systementwicklung ist die Entwicklung einer neuen E-Commerce-Plattform für ein Einzelhandelsunternehmen. Hierbei wurde Design Science Research verwendet, um eine neue Architektur für die Plattform zu entwerfen und anschließend zu implementieren. Durch die iterative Entwicklung und Einbindung von Stakeholdern konnte die Plattform schließlich erfolgreich gestaltet und eingeführt werden. Die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik ermöglichte es dem Unternehmen, eine maßgeschneiderte und an die Bedürfnisse der Nutzer angepasste E-Commerce-Lösung zu entwickeln, die letztlich zu einer höheren Kundenzufriedenheit und einem höheren Umsatz führte.

Digitale Transformation

Ein weiterer wichtiger Anwendungsbereich ist die digitale Transformation von Unternehmen und Organisationen. Hierbei geht es darum, Geschäftsprozesse und Geschäftsmodelle durch den Einsatz von Informationstechnologie zu optimieren und anzupassen. Die gestaltungsorientierte Wirtschaftsinformatik bietet mit ihrem breiten Spektrum an Methoden und Ansätzen genau das richtige, um eine erfolgreiche digitale Transformation zu unterstützen.

Beispiel: Ein Unternehmen möchte sein Geschäftsmodell von einem herkömmlichen stationären Verkauf auf ein digitales Geschäftsmodell umstellen. Durch den Einsatz der Methoden der gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik kann das Unternehmen ein neues E-Commerce-System entwickeln, das auf die Bedürfnisse der Kunden zugeschnitten ist und gleichzeitig den Geschäftsprozess der Bestellabwicklung effizienter gestaltet. Kunden und Mitarbeiter in den Entwicklungsprozess einzubinden kann dafür sorgen, dass die neue digitale Plattform einfach zu bedienen und intuitiv ist. Durch die Einführung des neuen digitalen Geschäftsmodells kann das Unternehmen nicht nur seine Reichweite erhöhen, sondern auch neue Märkte erschließen und seine Wettbewerbsfähigkeit steigern.

Teil 2

Im zweiten Teil wird es um Herausforderungen, Kritik, einen Zukunftsausblick sowie ein zusammenfassendes Fazit gehen. Der zweite Teil wird eine Woche nach diesem veröffentlicht.

Fußnoten

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Über mich

Mein Name ist Wolf Rasmussen, ich bin 32 Jahre alt und als Wirtschaftsinformatiker Berater für Digitalisierungsthemen. Mein Schwerpunkt liegt auf Prozessmanagement, meine Interessen liegen darüber hinaus auch in den Bereichen Strategie und Management.

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